Warum das Ölzeitalter noch nicht vorbei ist

Seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran ist der Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus stark beeinträchtigt – und mit ihm die Versorgung der Weltwirtschaft mit Erdöl. Darauf haben die Märkte heftig reagiert. Warum ist Erdöl im Jahr 2026 immer noch so wichtig, dass eine einzelne blockierte Meerenge die globale Wirtschaft aus dem Takt bringen kann?

39 Kilometer: So schmal ist die Wasserstrasse von Hormus zwischen dem Iran und dem Oman an ihrer engsten Stelle. Wer auf einer Karte danach sucht, findet keine beeindruckende Landschaft, kein riesiges Bauwerk, kein technisches Wunder, sondern vor allem: viel Wüste, durch die ein schmaler Streifen Wasser führt. Und doch gibt es kaum einen anderen Ort, an dem sich die Verletzlichkeit der globalen Wirtschaft zuletzt so deutlich gezeigt hat.
Mit dem Ausbruch des Kriegs zwischen Israel, den USA und dem Iran rückte die Meerenge Ende Februar ins Zentrum der Weltpolitik. Militäranalysten diskutierten über Seeminen und Raketen, Reedereien bereiteten Notfallpläne vor und Versicherer erhöhten ihre Risikoprämien. Der Ölpreis stieg deutlich an.
Die Reaktion machte deutlich: Die Weltwirtschaft hängt noch immer am Erdöl. Dabei scheint das Ölzeitalter seinem Ende entgegenzugehen. Wind- und Solarenergie wachsen schneller als jede andere Energiequelle, Elektroautos verdrängen Verbrennungsmotoren und viele Industrieländer verbrauchen weniger Erdöl als noch vor zwanzig Jahren.
Warum also spielt das Öl noch immer eine so grosse Rolle? Und weshalb reicht eine einzelne blockierte Meerenge, um die Weltwirtschaft so sehr zu erschüttern?
Der scheinbare Abschied vom Erdöl
Fangen wir an mit der Rolle des Erdöls. Es stimmt zwar, dass dessen Anteil am globalen Energiesystem sinkt. Erneuerbare Energien wachsen rasant, Strom ersetzt fossile Energieträger in immer mehr Anwendungen, und zahlreiche Staaten verfolgen das Ziel der Klimaneutralität. Gerade in Europa gilt Erdöl zunehmend als Auslaufmodell. Entsprechend liegt der Schluss nahe, das Ölzeitalter gehe seinem Ende entgegen. Doch dieser Schluss trügt.
Der Anteil von Erdöl am globalen Energiemix sinkt

Die Welt verbraucht mehr Erdöl denn je

Denn der weltweite Ölverbrauch ist seit dem Jahr 2000 um mehr als ein Drittel gestiegen. Verantwortlich dafür sind vor allem die Industrialisierung und der steigende Wohlstand in Schwellenländern. Während der Verbrauch in vielen OECD-Staaten stagnierte oder sank, wuchs er in Asien, Afrika und Teilen des Nahen Ostens. Millionen Menschen haben heute Zugang zu Autos, Kühlschränken oder Flugreisen, die für ihre Eltern oft unerreichbar waren. Das ist im Grundsatz eine erfreuliche Entwicklung – sie zeigt, dass der Lebensstandard vieler Menschen gestiegen ist. Doch sie verdeutlicht auch, dass die Weltwirtschaft «noch immer strukturell vom Erdöl abhängig ist», sagt Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg und Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.
Stoffliche Nutzung des Erdöls gewinnt an Bedeutung

Die Energieökonomin betont zudem, dass nicht allein die Industrialisierung der Schwellenländer die Ölnachfrage hochhält. «Wer an Erdöl denkt, denkt meist an Treibstoffe oder Heizöl. Öl ist aber nicht nur Energieträger, sondern auch einer der wichtigsten Rohstoffe unserer Industrie», sagt Kemfert. Aus Erdöl entstehen Verpackungen, Dünger, Waschmittel, synthetische Fasern und Medikamente. Selbst die Energiewende kommt ohne petrochemische Vorprodukte nicht aus: Windkraftanlagen enthalten Kunstharze, Solarmodule Kunststoffe, und viele Batterien ölbasierte Chemikalien. Die stoffliche Nutzung ist seit 2000 um mehr als die Hälfte gewachsen. Heute werden bereits 18 Prozent der weltweit verbrauchten Ölprodukte nicht mehr verbrannt, sondern als Rohstoff genutzt. «Global werden wir daher nicht in wenigen Jahren unabhängig von Erdöl werden», sagt Kemfert.
Erdöl bleibt also wichtig. Noch immer offen ist aber, weshalb eine einzelne blockierte Meerenge genügt, um die Weltwirtschaft so sehr zu erschüttern.
Eine Welt aus Öl
Die einfache Antwort auf diese Frage lautet: Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Erdöls passiert die Strasse von Hormus. Droht diese Menge der Weltwirtschaft zu fehlen, reagieren die Märkte. Doch die spannendere Frage ist, warum überhaupt so viel Erdöl durch eine einzelne Meerenge transportiert wird. Um das zu verstehen, hilft ein historischer Exkurs.
Bis weit ins 19. Jahrhundert stammte der grösste Teil der nutzbaren Energie aus Holz, Muskelkraft von Menschen und Tieren sowie lokal verfügbaren Wasser- und Windmühlen. Erst mit der Kohle war ein Energieträger verfügbar, der Dampfmaschinen, Eisenbahnen und Stahlwerke im grossen Massstab – und damit die Industrialisierung – ermöglichte. Doch auch Kohle war aufwendig im Abbau und teuer im Transport. Die Energieversorgung blieb deshalb weitgehend regional organisiert.
Erst mit dem Erdöl änderte sich das. Anders als die sperrige Kohle liess sich das flüssige Öl günstig durch Pipelines, Tanklager und Tankschiffe über Kontinente transportieren und flexibel lagern. Zudem liess es sich als Rohstoff für die chemische Industrie nutzen. Das machte Erdöl nicht einfach zu einem weiteren Brennstoff, sondern zum Grundbaustein der modernen Weltwirtschaft.
Globale Erdölförderung und Welt-BIP

Das wird deutlich, wenn man die Kurven der globalen Ölförderung und des Welt-BIP gemeinsam betrachtet: Nach dem Zweiten Weltkrieg explodierte mithilfe des Erdöls die globale Weltwirtschaft.
Bedingt durch die gute Transportierbarkeit und die Konzentration wirtschaftlich bedeutender Erdöllagerstätten auf wenige Regionen der Erde wurde aber nicht überall Öl gefördert. Stattdessen versorgten einige wenige, aber dafür riesige Fördergebiete den Weltmarkt. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts gewann der Nahe Osten immer mehr an Bedeutung, da dort die grössten und kostengünstigsten Lagerstätten erschlossen wurden. An Exporthäfen wie Ras Tanura in Saudi-Arabien oder auf der iranischen Insel Kharg wurde das Öl auf Tanker verladen und um die Welt verschifft. In grossen Raffinerien – etwa in Rotterdam, Singapur oder an der US-Golfküste – wurde das Rohöl zu Treibstoffen, Heizöl sowie chemischen Grundstoffen für Kunststoffe, Düngemittel und Medikamente verarbeitet.
Diese Konzentration auf ein zentralisiertes System aus wenigen Förderregionen, Transportwegen – zu denen eben auch die Strasse von Hormus zählt – und Verarbeitungszentralen senkte die Kosten und machte Energie so günstig wie nie zuvor – und ermöglichte so das Wachstum, auf dem die moderne Weltwirtschaft basiert.
Gleichzeitig sorgte diese physische Konzentration auch für eine grosse Konzentration wirtschaftlicher und politischer Macht und schuf neue Abhängigkeiten. Wer dieses System kontrollierte, entschied, wo Fabriken produzieren, Autos fahren und Felder gedüngt werden konnten – kurz: wo die moderne Weltwirtschaft funktionierte. Kontrolle über das Erdölsystem wurde damit zu einer Quelle politischer Macht, um die Staaten immer wieder auch militärisch rangen. Wo Erdöl gefördert, verschifft oder verarbeitet wurde, waren Militärbasen, Kriegsschiffe und Geheimdienste oft nicht weit. An kaum einem anderen Ort wurde dies deutlicher als im Iran.

Öl bedeutet Macht
«Die Entwicklungen in der modernen Geschichte des Irans wurden von Erdöl immer wieder verstärkt», sagt Mohammad Reza Farzanegan, Professor für Wirtschaft des Nahen und Mittleren Ostens am Centrum für Nah- und Mitteloststudien (CNMS) der Philipps-Universität Marburg.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte der Iran zu den grössten Erdölproduzenten der Welt. Das Öl lag zwar unter iranischem Boden, gefördert und vermarktet wurde es jedoch weitgehend von der britischen Anglo-Iranian Oil Company – der späteren British Petroleum (BP). Der iranische Staat erhielt nur einen kleinen Teil der Gewinne, während Grossbritannien vom billigen Erdöl profitierte. Für viele Iranerinnen und Iraner wurde das Öl deshalb zum Symbol ausländischer Einflussnahme.
1951 beschloss das iranische Parlament unter Premierminister Mohammad Mossadegh, die Ölindustrie zu verstaatlichen. Die Erlöse aus dem Öl sollten künftig dem eigenen Land zugutekommen. Grossbritannien organisierte einen internationalen Boykott iranischen Öls und setzte das Land wirtschaftlich und politisch unter Druck. Als sich die Krise zuspitzte, unterstützten der britische Geheimdienst und die US-amerikanische CIA 1953 einen Putsch schah-loyaler Militärs und konservativer Eliten gegen Mossadegh. Der Schah, der bereits seit 1941 formell Staatsoberhaupt gewesen war, war während der Krise vorübergehend ins Ausland geflohen. Nach seiner Rückkehr stärkte der Putsch seine politische Macht entscheidend und festigte sie mit Unterstützung der USA. Damit war der Weg frei für eine Neuordnung der iranischen Ölindustrie. Westliche Ölkonzerne erhielten erneut Zugang zu den iranischen Vorkommen.
Aus Sicht der britischen und US-amerikanischen Regierungen war der Putsch zunächst ein Erfolg: Das iranische Erdöl gelangte wieder auf den Weltmarkt, und Iran wurde zu einem wichtigen westlichen Verbündeten im Kalten Krieg. Für viele Iranerinnen und Iraner wurde der Schah hingegen zum Sinnbild ausländischer Einmischung. Dieses Misstrauen trug wesentlich zum Erfolg der Islamischen Revolution von 1979 bei, bei der der Schah gestürzt wurde und Ayatollah Chomeini die Islamische Republik errichtete. Während der Unruhen und landesweiten Streiks brach die iranische Ölförderung zeitweise massiv ein. Die Folge war ein massiver Anstieg der Erdölpreise, der viele ölimportierende Volkswirtschaften unter Druck setzte. Es war der zweite Ölpreisschock, nachdem 1973 die OPEC-Staaten ihre Produktion als Reaktion auf den Jom-Kippur-Krieg und die westliche Unterstützung Israels in diesem Krieg gedrosselt hatten.
Seither hat sich etwas getan: Die Industriestaaten haben strategische Erdölreserven aufgebaut und Alternativen zum Öl gefördert. Die Phase des rasanten Wachstums der Ölförderung, die nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt hatte, ging zu Ende, das Wachstum flachte ab. Die westlichen Staaten forcierten aber auch die Erdölförderung ausserhalb des Nahen Ostens, etwa in der Nordsee, und während der Anteil des Erdöls am Gesamtenergieverbrauch nun zwar sank, nahm sein Verbrauch in absoluten Mengen doch weiterhin zu. Die grundlegende Abhängigkeit der Weltwirtschaft vom Erdöl und die Verletzlichkeit der Energieinfrastruktur sind geblieben. Denn noch immer basiert die Weltwirtschaft auf derselben Infrastruktur. Weiterhin passiert ein grosser Teil des weltweit gehandelten Erdöls wenige Meerengen wie Hormus, wird noch immer über wenige Exportterminals verschifft und in grossen Raffineriezentren verarbeitet.
«Die aktuelle Krise führt uns vor Augen, wie eng die Weltwirtschaft verflochten ist. Störungen in einer strategisch wichtigen Region können sich rasch über Energie- und Rohstoffmärkte, Lieferketten, Finanzmärkte und den Welthandel ausbreiten», so Farzanegan. «Solange für einen grossen Teil der Energie- und Rohstoffexporte aus der Golfregion keine verlässlichen und ausreichenden
Alternativrouten bestehen, wird die Strasse von Hormus ein wichtiger geopolitischer Hebel bleiben.»
Die entscheidende Frage lautet daher: Wie lösen wir uns von unserer Abhängigkeit von Erdöl?

Zwei Transformationen statt einer
Jede Wärmepumpe ersetzt Heizöl, jedes Elektroauto reduziert die Nachfrage nach Benzin und Diesel, jede Solaranlage und jede Windturbine verringert diese Abhängigkeit. Selbst wenn dabei noch gewisse Herausforderungen bestehen: Die Energiewende ist im Gange. Claudia Kemfert ist daher
optimistisch: «In Europa kann die Ölabhängigkeit bis 2040 deutlich sinken, wenn Verkehr, Wärme und Industrie konsequent umgestellt werden. Im Stromsektor spielt Öl kaum noch eine Rolle. Bei Wärme und Verkehr gibt es technisch klare Alternativen, die aber schneller umgesetzt werden müssen.»
Doch «Ölunabhängigkeit bedeutet nicht nur, den Verbrennungsmotor zu ersetzen. Sie bedeutet auch, die fossile Rohstoffbasis unserer Industrie zu verändern», betont Kemfert. «Am schwierigsten bleibt die stoffliche Nutzung in Chemie, Kunststoffen und Industrie.» Kunststoffe, Chemikalien und viele industrielle Grundstoffe lassen sich nicht einfach elektrifizieren. «Hier braucht es hochwertiges Recycling, langlebigere Produkte, biobasierte Rohstoffe, neue chemische Verfahren und eine konsequente Kreislaufwirtschaft.» Diese Materialwende steckt heute dort, wo die Energiewende vor zwanzig oder dreissig Jahren stand: Die Lösungen sind sichtbar, aber noch nicht breit umgesetzt.
Erst wenn es gelingt, beide Transformationen gleichzeitig voranzutreiben – die Energie- und die Materialwende –, wird eine 39 Kilometer breite Wasserstrasse am Persischen Golf ihren geopolitischen Einfluss auf die Weltwirtschaft verlieren.